Exanthematische Erkrankungen: Was steckt hinter roten Flecken auf der Haut?

Von Masern und Windpocken bis zur Urtikaria: Was Hautausschläge über unsere Gesundheit verraten können

Wenn Sie jemand fragt: «Hatten Sie als Kind Windpocken?», lautet die Antwort meistens «Ja». Wird jedoch genauer nachgefragt – «Waren es wirklich Windpocken oder vielleicht Scharlach, Masern oder Ringelröteln?» – folgt häufig etwas zögerlich: «Ich glaube, es waren Windpocken.»

Tatsächlich gibt es zahlreiche exanthematische Erkrankungen – vereinfacht gesagt Erkrankungen, die rote Flecken und Hautausschläge verursachen – die leicht miteinander verwechselt werden können.

Einige davon gelten als typische Kinderkrankheiten, wie die oben genannten Beispiele. Die Liste ist jedoch lang und eine eindeutige Unterscheidung ist nicht immer einfach.

Ziel dieses Artikels ist daher nicht, die Leserinnen und Leser zu Spezialistinnen oder Spezialisten für diese Erkrankungen zu machen, sondern das Bewusstsein für ihre möglichen Ursachen und Folgen zu schärfen.

Eine Geschichte kleiner roter Flecken

Was ist eine exanthematische Erkrankung? Dabei handelt es sich meist um eine Infektionskrankheit, die durch das Auftreten eines Hautausschlags gekennzeichnet ist und teilweise von weiteren Symptomen wie Fieber, Müdigkeit oder Atemwegsbeschwerden begleitet wird.

Die möglichen Ursachen sind vielfältig. Dazu gehören Infektionen, allergische Reaktionen wie Urtikaria, Autoimmunerkrankungen sowie durch Medikamente ausgelöste Reaktionen.

Warum entstehen Exantheme? Die kleinen roten Flecken sind das Ergebnis einer dreistufigen Entzündungskaskade. Am Anfang steht ein Antigen – etwa eine Infektion oder eine Autoimmunerkrankung –, ein Allergen oder ein Toxin wie beispielsweise ein Medikament. Darauf folgt eine Immunreaktion, die eine Entzündung der Haut auslöst.

Da das sichtbare Endergebnis dieser Erkrankungen sehr ähnlich aussehen kann, müssen zur Ermittlung der Ursache sämtliche Symptome, die Krankengeschichte der betroffenen Person und auch Informationen über Personen in ihrem Umfeld berücksichtigt werden.

Dies ist Aufgabe der Hausärztin oder des Hausarztes und ermöglicht die Wahl der jeweils geeigneten Behandlung.

Infektiöse Exantheme: Unterschiede zwischen Kindern und Erwachsenen

Infektiöse Exantheme zeigen sich je nach Altersgruppe unterschiedlich.

Bei Kindern stehen sie häufig mit bekannten Virusinfektionen in Verbindung und folgen relativ typischen Mustern. Dies gilt beispielsweise für Masern, Windpocken und Röteln.

Der Hautausschlag ist meist gut erkennbar und entwickelt sich relativ vorhersehbar. Bei gesunden Kindern bleiben diese Erkrankungen häufig unkompliziert.

Bei Erwachsenen ist die Situation anders. Infektiöse Exantheme treten seltener auf und sind vor allem deutlich variabler. Sie können durch zahlreiche unterschiedliche Viren und Bakterien verursacht werden.

Der Hautausschlag ist häufig weniger typisch und kann irreführend sein, wodurch die Diagnose schwieriger wird.

Bei Erwachsenen kann ein scheinbar einfacher Hautausschlag daher auf eine umfassendere oder schwerwiegendere Infektion hinweisen und eine sorgfältige medizinische Abklärung erforderlich machen.

Und wenn keine Infektion dahintersteckt …

Nicht alle Hautausschläge werden durch Krankheitserreger verursacht. Dadurch verändert sich auch das diagnostische Vorgehen.

In solchen Fällen reagiert der Körper auf etwas anderes – beispielsweise auf ein Medikament, ein Allergen oder eine Störung des Immunsystems.

Dies gilt insbesondere für die Urtikaria, bei der die Haut sehr schnell reagiert. Rote Quaddeln können plötzlich auftreten, ihre Position verändern und innerhalb weniger Stunden wieder verschwinden.

Die Rolle des Labors bei der Diagnose

Das Labor spielt bei der Diagnose exanthematischer Erkrankungen eine entscheidende Rolle, insbesondere dann, wenn das Erscheinungsbild des Hautausschlags allein nicht ausreicht, um die Ursache festzustellen.

Mithilfe von Untersuchungen wie PCR oder Serologie kann eine infektiöse Ursache bestätigt werden, beispielsweise bei Masern oder einer Parvovirus-B19-Infektion. Gleichzeitig können diese Erkrankungen von nicht infektiösen Ursachen wie Urtikaria unterschieden werden.

Laboruntersuchungen tragen somit dazu bei, eine präzise Diagnose zu stellen, die Patientenversorgung individuell anzupassen und bei Bedarf präventive Massnahmen einzuleiten, um die Ausbreitung bestimmter Erkrankungen einzudämmen.

Exanthematische Erkrankungen: einige Beispiele

Masern: ein aktuelles Thema der öffentlichen Gesundheit

Masern sind extrem ansteckend. Eine infizierte Person kann 12 bis 18 ungeimpfte Personen anstecken. Damit gehören Masern zu den am leichtesten übertragbaren Infektionskrankheiten.

Zudem sind Betroffene bereits mehrere Tage vor dem Auftreten des Hautausschlags ansteckend, was eine unbemerkte Weiterverbreitung begünstigt.

Masern stellen weiterhin ein weltweites Gesundheitsproblem dar und verursachen jedes Jahr rund 100'000 Todesfälle, hauptsächlich bei ungeimpften Kindern. Auch Europa verzeichnete 2024 einen deutlichen Anstieg der Fälle und Todesfälle.

Die Kontrolle der Masern setzt eine sehr hohe Impfquote voraus. Um die Zirkulation des Virus zu unterbrechen, müssen 95 % der Bevölkerung mit zwei Impfdosen immunisiert sein. Im Tessin ist dieses Ziel nahezu erreicht, in anderen Kantonen liegt die Quote etwas tiefer.

Röteln: wenn ein einfacher Hautausschlag den Fötus gefährden kann

Röteln sind eine virale Erkrankung mit Hautausschlag, die bei Kindern und Erwachsenen meist mild verläuft. Tritt die Infektion jedoch während der Schwangerschaft auf, kann sie schwerwiegende Auswirkungen auf den Fötus haben.

Grosse Epidemien führten zur Identifizierung des kongenitalen Rötelnsyndroms, das unter anderem mit Taubheit, Augenschäden und Herzfehlbildungen verbunden sein kann.

Die Einführung der Impfung hat in Ländern mit hoher Impfquote zu einem deutlichen Rückgang der Viruszirkulation und der Fälle des kongenitalen Rötelnsyndroms geführt.

Varizella-Zoster-Virus: zwei Erkrankungen durch dasselbe Virus

Das Varizella-Zoster-Virus besitzt eine Besonderheit: Es verursacht zunächst Windpocken und kann danach im Körper verbleiben.

Jahre später kann es reaktiviert werden und eine Gürtelrose verursachen, die häufig mit Schmerzen verbunden ist. Windpocken und Gürtelrose sind somit zwei unterschiedliche Erscheinungsformen desselben Virus.

Urtikaria: eine schnelle und sichtbare Reaktion

Urtikaria ist eine häufige Reaktion, die oft mit einer Allergie zusammenhängt. Quaddeln treten rasch auf, verändern ihre Position und können innerhalb weniger Stunden wieder verschwinden.

Obwohl sie eindrucksvoll aussehen können, sind sie meist harmlos und zeigen deutlich, wie schnell die Haut auf ein inneres Ungleichgewicht reagieren kann.

Die Haut erzählt eine Geschichte

Einen Hautausschlag zu verstehen bedeutet nicht nur, ihn zu erkennen, sondern auch seine Ursache zu bestimmen: infektiös oder nicht infektiös, typisch oder atypisch, harmlos oder möglicherweise besorgniserregend.

Aus einem einfachen Hautzeichen wird so ein wichtiger Hinweis auf den allgemeinen Gesundheitszustand eines Menschen.

Die Ärztin oder der Arzt sucht nach Hinweisen – wie sich die Hautveränderungen entwickeln, welche zusätzlichen Symptome auftreten und in welchem klinischen Zusammenhang sie stehen. Jedes Detail kann entscheidend sein. Eine kürzlich unternommene Reise oder der Kontakt mit einem erkrankten Kind kann beispielsweise wichtige Hinweise für die Diagnose liefern.

Exanthematische Erkrankungen sind daher weit mehr als nur «Flecken» oder «Pickel». Sie bilden eine Art Sprache des Körpers, bei der jeder Ausschlag eine Botschaft darstellt, die entschlüsselt werden muss.

Autor: Dr. Giuseppe Togni