Warum wirken Medikamente nicht bei allen Menschen gleich?

Die Pharmakogenetik erklärt Unterschiede im Therapieansprechen und unterstützt eine individuellere Arzneimittelwahl

Im klinischen Alltag kommt es häufig vor, dass Patientinnen und Patienten nicht wie erwartet auf ein Medikament ansprechen oder unerwünschte Nebenwirkungen entwickeln.

Die Pharmakogenetik – also die Untersuchung des Einflusses genetischer Unterschiede auf den Arzneimittelstoffwechsel – liefert wertvolle Informationen darüber, warum solche Unterschiede auftreten, und kann individuellere Therapieentscheidungen unterstützen.

Häufig eingesetzte Medikamente wie Statine, Antidepressiva und Schmerzmittel werden unter anderem mithilfe von Enzymen der Cytochrom-P450-Familie sowie spezifischen Arzneimitteltransportern im Körper verarbeitet.

Genetische Varianten, die Proteine wie CYP2D6, CYP2C19 und SLCO1B1 betreffen, können den Arzneimittelstoffwechsel verändern. Dadurch kann entweder das Risiko für Nebenwirkungen steigen oder die Wirksamkeit eines Medikaments abnehmen.

Etwa 10–25 % der Menschen tragen genetische Varianten, die die Funktion dieser Enzyme deutlich beeinflussen und damit die individuelle Reaktion auf bestimmte Medikamente verändern können.

Ein praktisches Beispiel: Statine

Statine werden zur Senkung des Cholesterinspiegels eingesetzt und im Allgemeinen gut vertragen.

Etwa 21 % der Menschen tragen jedoch eine genetische Variante im SLCO1B1-Gen. Dieses Gen kodiert das Protein OATP1B1, das den Transport von Statinen in die Leberzellen unterstützt.

Varianten wie SLCO1B1*5, auch als p.Val174Ala bezeichnet, können dazu führen, dass höhere Konzentrationen von Statinen im Körper zirkulieren.

Dadurch kann das Risiko für Muskelschmerzen, sogenannte Myalgien, oder in selteneren Fällen für Muskelschädigungen, sogenannte Myopathien, steigen.

Ein pharmakogenetischer Test kann Personen mit dieser Variante identifizieren. Ärztinnen und Ärzte können dann beispielsweise ein anderes Statin auswählen oder die Dosierung anpassen, um das Risiko von Nebenwirkungen zu reduzieren.

Escitalopram und Antidepressiva

Ein weiteres Beispiel ist eine Patientin oder ein Patient, die beziehungsweise der Escitalopram zur Behandlung einer Depression erhält, trotz korrekter Einnahme jedoch keine Verbesserung feststellt.

Escitalopram wird hauptsächlich über die Enzyme CYP2C19 und CYP2D6 metabolisiert.

Liegt eine genetische Variante vor, die zu einem ultraschnellen Stoffwechsel führt, kann das Medikament zu schnell abgebaut werden, um seine volle Wirkung zu entfalten.

Ein pharmakogenetischer Test kann dieses Profil erkennen und dabei helfen, ein alternatives Antidepressivum auszuwählen, das nicht von denselben Stoffwechselwegen abhängig ist.

Pharmakogenetik bei Codein

Auch die Wirkung von Codein wird durch die Aktivität von CYP2D6 beeinflusst.

Codein wird häufig als Schmerzmittel oder Hustenstiller verschrieben. Seine Wirksamkeit hängt jedoch davon ab, dass es im Körper in Morphin umgewandelt wird – ein Prozess, der durch CYP2D6 reguliert wird.

Bei langsamen Metabolisierern kann Codein kaum wirksam sein. Ultraschnelle Metabolisierer können hingegen eine kurze, aber übermässig starke Wirkung erfahren, verbunden mit einem höheren Risiko für toxische Effekte.

Die Kenntnis des CYP2D6-Status einer Patientin oder eines Patienten kann helfen, solche Probleme zu vermeiden und eine geeignetere Therapie auszuwählen.

Bessere Therapieergebnisse für Patientinnen und Patienten

Durch die Integration pharmakogenetischer Tests in die klinische Praxis können Gesundheitsfachpersonen die Wahl und Dosierung von Medikamenten besser auf das individuelle genetische Profil der Patientinnen und Patienten abstimmen.

Dieser Ansatz kann dazu beitragen, das Risiko unerwünschter Wirkungen zu reduzieren und gleichzeitig die Wirksamkeit einer Therapie zu verbessern.

Derzeit bieten nur wenige Labore in der Schweiz solche Tests an. Damit stellt die Pharmakogenetik eine wertvolle Ressource für eine personalisierte Patientenversorgung dar.

Autor: Dr. Pierre-Alain Menoud
Titel: FAMH-Spezialist für medizinische Genetik bei Unilabs Schweiz